Veröffentlicht am: 27.05.13

Internationale Konferenz: LINQ 2013 - Nachbericht

Barbara Blum, SDC
Quelle: eigener Bericht

International Conference: LINQ 2013 - Report (english version of the article)


Blick vom Dach des FAO-Gebäudes in Rom

In Rom fand am 16. und 17. Mai 2013 zum dritten Mal die internationale Konferenz LINQ statt. Das Motto war "Lerninnovationen und -qualität: Die Zukunft digitaler Ressourcen"; ein besonderer Themenschwerpunkt lag auf "Open Educational Resources". Die Stiftung Digitale Chancen stellte auf der Konferenz ihr Projekt "Digital Literacy 2.0" vor.

Tag 1

Mehr als 200 Teilnehmer hatten sich in der Früh des 16. Mai 2013 in den Räumlichkeiten des imposanten Hauptgebäudes der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) eingefunden. Der Bau liegt im Herzen Roms, gleich neben dem, was vom Circus Maximus und den Caracalla-Thermen noch übrig ist, und in Sichtweite des Kolosseums. Von vier Kontinenten waren hier Bildungsexpertinnen und -experten zusammen gekommen.

Der Themenschwerpunkt: Open Educational Resources

Das Motto der diesjährigen LINQ-Konferenz war "Lerninnovationen und -qualität: Die Zukunft digitaler Ressourcen". Schnell wurde allerdings klar, dass ein ganz besonderer Schwerpunkt in diesem Jahr auf dem Thema "Open Educational Resources" (OER) liegen würde.

Die Keynote Speeches

In seiner Keynote Speech sagte Jay Cross von der Internet Time Alliance (USA) voraus, dass der Löwenanteil des Lernprozesses im Leben eines Menschen künftig von der Hochschule weg und mehr auf den Arbeitsmarkt verlagert würde. Bildung würde sich seiner Ansicht nach dezentralisieren; es würden weniger Lehrer benötigt. Cross beendete seine Ausführungen, die der Organisator der Konferenz, Prof. Christian M. Stracke von der Universität Duisburg-Essen, später "Eindrücke aus der Zukunft" nannte, mit der Einschätzung, dass für einen solchen Wandel "Open Educational Resources" vonnöten seien.

Laut Dr. Ignasi Labastida von der Universitat de Barcelona haben es zumindest spanische Hochschulen oft sehr schwer, Lerninhalte frei zur Verfügung zu stellen, da das nationale Urheberrecht dies kaum zuließe. Wenn nicht anders angegeben, dann griffen automatisch die gesetzlichen Bestimmungen, die jegliche Weiterverwendung ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers ausschlössen. Lizenzen einzeln zu gewähren würde aber einen zu großen Verwaltungsaufwand darstellen und eine allgemeingültige Lizenz zu formulieren zu detaillierte juristische Kenntnisse voraussetzen. Als Lösung stellte er in seiner Keynote Speech das Creative Commons Projekt (CC) vor, dessen spanischer Leiter er ist und im Rahmen dessen Urheber ihre Inhalte zur freien Weiterverwendung und -verarbeitung ins Netz stellen können. Creative Commons bietet - je nachdem, auf welche Weise man sein Werk schützen oder nicht schützen will - sechs unterschiedliche Lizenzen an, die jeweils auf das lokale Rechtssystem zugeschnitten sind: sogenannte "portierte Lizenzen". Abschließend forderte Labastida alle Anwesenden auf, ihre Inhalte auf diese Weise öffentlich zugänglich zu machen.

Auch der nächste Redner, der UNESCO-Beauftragte für OER Dr. Rory McGreal von der University of Athabasca in Kanada, brach die Lanze für digitale Lizenzen statt digitaler Sperren. Er ist überzeugt, dass Bildung kostengünstiger werden muss und wird, denn in der Zukunft würden sich viele junge Menschen nicht nur in Entwicklungsländern eine Hochschulausbildung nicht mehr leisten können. Als weiteren Aspekt führte er an, dass mittlerweile überall auf der Welt die Menschen mehr über mobile Endgeräte als über Desktop-Computer aufs Internet zugreifen. OER seien also auch deshalb nötig, weil dann Inhalte auf mehr als einem Endgerät verwendet werden könnten - bei kommerziell erworbenen Inhalten gibt es in diesem Punkt oft rechtliche und technische Einschränkungen. Wie auch einige seiner Vor- und Nachredner kam McGreal in seinem Vortrag mehrmals auf sogenannte "MOOC"s zu sprechen. Das Akronym steht für "Massive Open Online Course" und dahinter verbergen sich interaktive Online-Seminare, die ihren Ursprung an nordamerikanischen Universitäten haben.

Die Gründung des ICORE-Netzwerks

Die Organisatoren von LINQ 2013, eine Gruppe von Forschern an der Universität Duisburg-Essen, hatten schon am Tag zuvor im FAO-Hauptgebäude in Rom residiert, um "ICORE" zu gründen - den "International Council for Open Research and Education". ICORE ist als offene Nichtregierungsorganisation geplant, die eine Brücke zwischen offener Forschung und offener Bildung schlägt.

Tag 2

Am zweiten Tag der Konferenz fanden unter drei Kategorien parallele Sessions statt: "Eingeladene Europäische Redner", "Akzeptierte Wissenschaftliche Papers" und "Ausgewählte europäische und internationale Projekte".

Einer der eingeladenen Redner war Dr. Antonio Moreira Teixeira von der Open University in Lissabon, Portugal. Er stellte "innovative pädagogische Modelle" vor und benannte als Eckpfeiler solcher innovativer Modelle Lernendenorientierung, Flexibilität, Interaktivität und digitale Inklusion.

Europäische und internationale Projekte

Die vorgestellten Projekte waren in so unterschiedlichen Bereichen angesiedelt wie Sicherheit im LKW-Verkehr, Strategien gegen Lebensmittelverschwendung oder Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen. Im Mittelpunkt standen dabei aber immer Ansätze technologiegestützten Lernens, egal ob in Wirtschaft, Forschung, Schule oder non-formalen Lernsituationen.

In einer Session über berufliche Aus- und Weiterbildung wurde diskutiert, wie bei internationalen Projekten Nachhaltigkeit hergestellt werden kann. Prof. Dr. Francisco José García Peñalvo von der Universidad de Salamanca in Spanien, der das europäische Projekt "TRAILER" (Entwicklung einer Strategie, mit der in Unternehmen informelles Wissen der Mitarbeiter genutzt werden kann) vorstellte, riet an, schon während der Projektlaufzeit Verantwortlichkeiten an Akteure außerhalb des Projekts zu übertragen, so dass es sich nach Ablauf der Projektlaufzeit selbst tragen kann, und dafür die nötigen Inhalte sowie die zur Nutzung dieser Inhalte erforderliche technologische Infrastruktur bereitzustellen - mit Hilfe von OER.

Digital Literacy 2.0

Das von der Stiftung Digitale Chancen koordinierte und zusammen mit der Aga Khan Foundation (Portugal), Bibnet (Belgien), der Stadtbibliothek Köln, der Regionalna biblioteka "Pencho Slaveykov" (Bulgarien), der Biblioteka Publiczna im. W.J. Grabskiego w Dzielnicy Ursus (Polen), der Bibliothèque publique d'information (Frankreich) und dem National Institute for Adult Continuing Education (UK) durchgeführte Projekt "Digital Literacy 2.0" (DLit2.0) fand im Workshop "Innovations & Future Trends in Learning, Education and Training" seinen Platz. Anders als bei den meisten bei LINQ 2013 vorgestellten Projekten ist IKT (Informations- und Kommunikationstechnologie) bei DLit2.0 nicht nur Mittel, sondern auch Lerninhalt.

Der Ansatz besteht darin, sozial und bildungsbenachteiligten Erwachsenen durch die Vermittlung von Web 2.0-Fähigkeiten zu mehr Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe zu verhelfen. Erreicht werden die benachteiligten Erwachsenen durch die Qualifizierung von Angestellten und ehrenamtlichem Personal an non-formalen Bildungsstätten wie Bibliotheken, Gemeindezentren und karitativen Einrichtungen.

Bei den anderen Workshop-Teilnehmern stieß das Konzept von DLit2.0 auf großes Interesse - dabei insbesondere der Ansatz, bei der Qualifizierung der Zielgruppe nicht den Umweg über grundlegende Computer- und Internetfähigkeiten zu machen, sondern direkt mit Web 2.0-Anwendungen einzusteigen, die an sich schon ein hohes Maß an Partizipation beinhalten.

Der Stiftung Digitale Chancen und ihren Projektpartnern gaben die auf der Konferenz geführten Diskussionen und gezogenen Schlüsse Anlass für die Annahme, mit dem bei DLit2.0 verfolgten Ansatz auf dem richtigen Weg zu sein. Dem bei LINQ 2013 an diversen Stellen festgestellten Trend von formaler hin zu non-formaler Bildung trägt das Projekt DLit2.0 dadurch Rechnung, dass in seiner zweistufigen Trainingskampagne "Trainer trainieren & Nutzer qualifizieren" explizit Angehörige non-formaler Bildungsstätten als Trainer ausgebildet werden. Gerade die Zielgruppe der sozial und bildungsbenachteiligen Erwachsenen ist über klassische Bildungsangebote nur schwer zu erreichen. Die von Dr. Antonio Moreira Teixeira identifizierten Eckpfeiler innovativer pädagogischer Modelle (s.o.) - Lernendenorientierung, Flexibilität, Interaktivität und digitale Inklusion - wurden bei DLit2.0 bei der Entwicklung der Trainingsmaterialien als zentrale Aspekte zugrundegelegt. Nachhaltigkeit soll bei DLit2.0 dadurch erzeugt werden, dass das Projekt, sein Ansatz und seine Strategie erstens in ganz Europa bekannt gemacht werden und bestenfalls in weiteren europäischen Ländern Nachahmer finden - wozu die Bekanntmachung bei internationalen Konferenzen beiträgt - ; zweitens ist geplant, die im Rahmen des Projekts entstandenen Materialien nach Ablauf der Projektlaufzeit als OER einer weiteren (Fach-)Öffentlichkeit zur Verwendung und Weiterverarbeitung zur Verfügung zu stellen.

Ausblick: LINQ 2014

Die Organisatoren luden alle Teilnehmer schon jetzt herzlich zur nächstjährigen LINQ-Konferenz ein: LINQ 2014 soll am 12. Und 13. Mai 2014 auf Kreta stattfinden. Die Stiftung Digitale Chancen plant, sich um eine Teilnahme zu bewerben, um dann die Ergebnisse aus dem Projekt "Digital Literacy 2.0" präsentieren zu können.




Mehr erfahren Sie unter:
www.learning-innovations.eu/2013...

Digital Literacy 2.0


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